Wenn schlechtes Design schadet: Dark Pattern im UX Design

17.07.2020 | Autor: Fabian Wirtz | Lesezeit: 10 Minuten

Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Wir werden manipuliert – tagtäglich im Netz. Vielleicht sind auch Sie heute schon auf ein Dark Pattern reingefallen, merken es aber erst jetzt beim Lesen dieses Blogposts. Wir erklären Ihnen, was Dark Patterns sind und wie Sie diese trügerischen Designtricks künftig erkennen und umgehen können.

Dark Patterns, zu Deutsch dunkel Muster, sind zweifelhafte Methoden, mit denen Nutzer einer Website, einer App oder Ähnliches dazu bewegt werden sollen, eine Aktion auszuführen, die nicht ihrem Interesse entspricht und die sie so nicht beabsichtigt hatten. Dabei spielen Dark Patterns gezielt mit den Ängsten und Nöten von Usern und setzen sie so massiv unter (Zeit-)Druck.

Gutes UX Design soll aber genau das verhindern: Indem Erkenntnisse über Erwartungen, Emotionen und Reaktionen von Nutzern in die Gestaltung von Apps, Websites und Co. einfließen, sollen User reibungslos durch die jeweilige Anwendung geführt werden. So soll eine Nutzererfahrung (User Experience, UX) geschaffen werden, in der sich der User wohlfühlt, wodurch er gerne auf der Seite verweilt oder den Dienst nutzt.

Sind Dark Patterns böse?

In der Tat Dark Pattern sind userunfreundliche Interface-Designs. Sie nutzen die Erkenntnisse über die menschliche Psyche, über konditioniertes Verhalten und Vorlieben, um sie gegen die User zu verwenden – um sie zu täuschen und zu manipulieren. Die Art der Gestaltung einer Website oder einer App-Oberfläche zielt dann darauf ab, User dazu zu verleiten, einen Kauf zu tätigen, ein Abo abzuschließen oder ihre Daten zu hinterlassen. Davon merken Sie vermutlich nichts. Denn Dark Patterns sind so an Ihre eigentliche Verhaltensweise angepasst, dass sie Sie unbewusst irreführen. Sie merken erst, dass Sie in eine Falle getappt sind, wenn es schon zu spät ist – wenn das Abo oder die kostenpflichtige Mitgliedschaft eingegangen wurde und Sie nur schwer wieder kündigen können.

Wer hat sich das bloß ausgedacht?

Dark Pattern spielen den Betreibern von Websites, Apps und Online-Diensten in die Hände und folgen allein deren Interessen. Oftmals verstoßen Dark Patterns gegen geltendes Recht oder bewegen sich zumindest in einer rechtlichen Grauzone. Geprägt wurde der Begriff durch den britischen Webdesigner Harry Brignull. Er ist Experte für das Nutzerverhalten auf Websites und untersuchte mit welchen Methoden User im Netz analysiert und beeinflusst werden. Auf seiner Seite darkpatterns.org fasst er die Ergebnisse seiner Untersuchung zusammen und unterteilt Dark Pattern in zwölf Kategorien. Sie sind allesamt ähnlich trügerisch und unterschwellig, verfolgen aber unterschiedliche Strategien.

Die 12 Arten von Dark Patterns:

Trick Questions

Haben Sie bei Ihrem jüngsten Online Kauf auch den Newsletter unbeabsichtigt mitbestellt? Das kann man Ihnen nicht verübeln. Diese Trick Questions sind schon tückisch und entlocken Ihnen eine Antwort, die Sie womöglich nicht geben wollten. Nur die wenigsten User checken Online-Inhalte beim Kaufabschluss gewissenhaft. Oder lesen Sie sich etwa die AGBs oder Widerrufbestimmungen durch? Vermutlich setzen auch Sie die Häkchen, ohne groß darüber nachzudenken und um die Bestellung schnell abzuschließen. Dass darunter auch ein Haken für das Newsletter Abo war, merken Sie dann, wenn die erste Mail in Ihrem Postfach landet.

Confirmshaming

Durch gezielte Schuldzuweisungen sollen Sie zu einer bestimmten Handlung verleitet werden. Zum Beispiel wird die Ablehnung eines Newsletters so formuliert, dass Sie sich dafür schämen, auf „Nein“ zu klicken. Stattdessen entscheiden Sie sich für das Abo, um der Schuldzuweisung oder Scham zu entgehen.

Haben Sie auch schon mal einem Newsletter zugestimmt, obwohl Sie das gar nicht wollten?

□ Ja, das habe ich!      □ Nein, denn ich kann nicht lesen!

Roach Motel

Hierbei gelangen Sie sehr leicht in eine Situation, wie eine Premium Mitgliedschaft, eine Newsletter-Anmeldung oder ein kostenpflichtiges Abonnement. Der Weg raus gestaltet sich aber deutlich schwieriger. Die Anmeldung ist meist mit ein paar Klicks erledigt, die Kündigung frustrierend unübersichtlich und kleinschrittig.

Forced Continuity

Zur Forced Continuity kommt es nach dem Ablauf einer zeitlich begrenzten Testversion oder eines Abonnements, für das Sie Ihre Zahlungsdaten eingeben mussten. Oftmals erhält der User später keine Erinnerung zum Ablauf oder ihm wird kein einfacher Kündigungsweg aufgezeigt, worauf sich das Abo automatisch kostenpflichtig verlängert.

Sneak into Basket

Sie möchten etwas Bestimmtes online kaufen. Die Entscheidung ist gefallen, also landet das gute Stück in Ihrem Warenkorb – und mit ihm legt der Shop Ihnen weitere Produkte hinzu, wie ein passendes Zubehörteil oder eine Garantieverlängerung, meist aufgrund einer nicht abgewählten Opt-out Möglichkeit oder Checkbox.

Price Comparison Prevention

Diese Taktik ist ganz typisch für Online Shops oder Online Händler auf Amazon und wird angewendet, um Ihnen den Preisvergleich von Produkten zu erschweren: Das eine Produkt wird in Stückpreisen ausgewiesen, wohingegen das andere in Millilitern berechnet wird. Der Preisvergleich ist nicht auf den ersten Blick möglich.

Hidden Costs

Diesen Trick kennen Sie höchstwahrscheinlich: Erst im letzten Schritt einer Bestellung werden Ihnen wirklich alle Kosten angezeigt, wie zum Beispiel Lieferkosten, Steuern und auch Bearbeitungsgebühren. Zu der Masche gehört auch, dass Sie erst kurz vor dem Abgeben der Bestellung merken, dass der vermeintlich kostenlose Versand an eine Mindestbestellmenge oder an einen gewissen Mindestbetrag gekoppelt ist, den Sie unterschreiten, weswegen Sie doch Versandkosten zu tragen haben.

Misdirection

Das Design lenkt Ihre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache, bloß damit Sie einen anderen wichtigen Inhalt oder eine günstigere Alternative unbeachtet lassen.

Disguised Ads

Hierbei wird Usern vorgegaukelt, dass es sich bei Werbung um einen Inhalt der eigentlichen Seite oder Teil der Navigationsführung handelt. Dadurch sollen Sie zum Klicken verleitet werden. Nicht selten werden hierzu große, blinkende Buttons verwendet, die Ihre Aufmerksamkeit weg von dem führt, was Sie ursprünglich wollten und hin zu dem, was Sie gar nicht gebrauchen können.

Privacy Zuckering

Auch wenn Sie es vermutlich erahnen: Dieser Trick ist benannt nach Facebook Gründer Mark Zuckerberg. Hier hinter steckt der Trick, Sie mehr Daten preiszugeben zu lassen, als es Ihnen lieb ist. Üblicherweise getarnt im Kleingedruckten der AGBs findet sich dieses Dark Pattern nicht bloß auf Facebook, sondern überall im Netz, und gibt Unternehmen das Recht, Ihre persönlichen Daten an Dritte zu verkaufen.

Bait and Switch

Diese Methode spielt mit bekannten Konventionen. Sie denken, Sie tun das eine, tatsächlich hat die Website etwas völlig anderes im Sinn. In der Regel wird eine Aktion vorgegaukelt, die sich erst nach dem Ausüben als falsch erweist. Oft ist es dann bereits zu spät und das Abo oder Ähnliches ist abgeschlossen.

Friend Spam

Hierbei werden Sie unter einem Vorwand nach den Zugangsdaten zu Ihrem Mail-Account oder einem sozialen Netzwerk gefragt. Die Plattform, die die Daten von Ihnen erhält, nutzt diese dann, um in Ihrem Namen Spam oder Werbemails an Ihre Kontakte zu senden.

Haben auch Sie Angst, etwas zu verpassen?

So wie dunkle Materie im All finden sich auch Dark Patterns überall im Internet. Längst sind zu den zwölf Typen von Brignull weitere manipulative Methoden hinzugekommen, die Ihnen ein Abo, einen Newsletter und andere Dinge aufdrücken sollen. Selbst die Big Player, wie Amazon oder booking.com, setzen auf künstliche Panikmache und nötigen User zu einer unbedachten Entscheidung mit Aussagen, wie „Dieses Produkt wurde in der letzten Stunde 48 Mal gekauft“ oder „Schnell! Nur noch 3 Artikel vorrätig“. Dabei handelt es sich nur selten um unschlagbare Angebote und dennoch zieht die Masche. Denn wir haben alle Angst, etwas zu verpassen und nicht mitreden oder angeben zu können.
Künstliche Verknappung: User neigen durch Aussagen wie diese dazu, vorschnelle Entscheidungen zu treffen.
Kommen wir zurück zu den zwölf von Brignull beschriebenen Dark Patterns. 2016 hat Microsoft das Paradebeispiel für die Bait and Switch-Methode geliefert. Im Zuge der Umstellung von Windows 8 auf Windows 10 forderte Microsoft seine Nutzer zunächst freundlich auf, mittels eines Pop-ups zu wechseln. Viele User wollten den Schritt auf das neue Betriebssystem jedoch nicht wagen und so griff Microsoft letztlich zu dem drastischen Schritt, Dark Pattern einzusetzen, und änderte die Funktion des X-Buttons im Pop-up-Fenster. Statt – wie gewohnt – das Fenster zu schließen, stimmten die User mit einem Klick auf das X dem Update zu.
Der X-Button in der oberen rechten Ecke funktionierte in diesem Fall als Bestätigung.

Warum Dark Patterns nicht verwenden, wenn sie doch funktionieren?

Die Erfahrung hat gezeigt, dass Unternehmen, die auf Dark Pattern setzen, auf Dauer das Vertrauen ihrer Nutzer verlieren. Diese fühlen sich nicht mehr Wohl in der Nutzung des Service, der Website oder App und wenden sich letztendlich vom Unternehmen ab, um nicht weiter über das Ohr gehauen zu werden. Im schlimmsten Fall leidet die gesamte Corporate Identity unter der Verwendung von Dark Pattern.

Prinzipien, wie die Sneak into Basket-Methode, bei der Artikel ungefragt im Warenkorb des Kunden platziert werden, sind mittlerweile in der EU verboten. Denn Verbraucher müssen vor solchen Praktiken geschützt werden.

In den USA musste LinkedIn 2015 im Zuge einer Klage wegen unlauterer Methoden 13 Millionen Dollar zahlen. Das soziale Netzwerk ermutigte seine Nutzer unter dem Vorwand des Networking dazu, ihm Zugang zu privaten E-Mail-Konten zu gewähren. LinkedIn verschickte daraufhin im Geheimen Einladungsemails im Namen der betroffenen Nutzer an deren Kontakte (Friend Spam).

Die meisten Dark Patterns bewegen sich allerdings nur im gesetzlichen Graubereich. Es ist daher Aufgabe der Unternehmen und verantwortlichen Designer eine Änderung herbeizuführen. User Experience sollte immer das Wohl des Nutzers im Sinn haben und nicht die Umsatzzahlen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Smotthscroll Plug-in für WordPress. Es erinnert den User rechtzeitig an das baldige Ende des laufenden Abos. Neben den Kosten für eine mögliche Verlängerung erhält der User in einer überschaubaren Mail auch einen direkten Link zur unkomplizierten Kündigung, sodass er sich selbst entscheiden kann, wie er weiter vorgehen möchte. Solche positiven Beispiele von White Patterns werden immer beliebter und gelten bereits als Qualitätsmerkmal für Seiten und Dienste. White Patterns unterstützen die Usability durch Logik und Transparenz, indem Sie dem User selbst wählen lassen, ob er etwas haben möchte oder nicht.

Wenn Sie mehr zu dem Thema Dark und White Patterns erfahren möchten oder wissen wollen, wie Sie die Userfreundlichkeit sowie die Conversion Ihrer Seite verbessern können, beraten Sie unsere UX Experten gerne.

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